Kooperative Haina  
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Freitag, 10. September 2010
 
 
Anreise mit der Bahn

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Anstelle einer Vorstellung: Spüren Sie auch ein Unbehagen? PDF Drucken E-Mail
Auch wenn man heute die sogenannten friedlichen Revolution in der DDR mit dem Attribut „(spieß)bürgerlich“ versehen muß, so gab es dennoch etwas, daß darin nicht aufging. Immerhin, es war eine aufregende Zeit; dieses seltsame, wendungslose Wenden. Unterschwellig und zu schwach gab es einen Impuls, der über das Kommende hinauswies. Individuell ist das bestimmt wahrgenommen worden, aber unter der treffsicheren Parole „Keine Experimente mehr“ versammelten sich die Ängste zur Rückkehr in die „normative Kraft des Faktischen“... Wider aller naiver Erwartung war dann der „Systemwechsel“ für viele nicht wirklich eine große Umstellung, sondern ist irgendwie äußerlich geblieben. Zwar verschwanden das kasernensozialistische Grau in Grau, die hohlen ideologischen Gebäude, staatlich gegängelte und geplante Lebensläufe von der Wiege bis zur Urne usw., sozusagen der „ideologisch Überschuß“, aber die Grundkonstanten der Warengesellschaft (debile Arbeit, debile Freizeit, (klein)familiäre und nationalstaatliche Zwangsidentitäten, Menschenverwaltung via Politik, Staat und Bürokratie, Langeweile) sind uns unangenehmerweise erhalten geblieben. Gerade diese Fortsetzung der Grundkonstanten war es denn auch, die trotz aller oberflächlichen Umstellungen ein recht reibungsloses Hinübergehen in eine scheinbar so andere Gesellschaft möglich machte.
Leben meint jetzt die Freiheit, zwischen den Möglichkeiten der bunt-schillernden Warenwelt wählen zu „dürfen“; hier ist das Leben wie ein großer Warenkorb, wo man die Freiheit der Wahl hat zwischen Job und Job, zwischen Ariel und Persil. Der Einsatz um mitspielen zu können, ist die eigene Verwandlung in eine Ware, der unangreifbare Fakt des Sich-verkaufen-müssens. Das war schon im sogenannten Staatssozialismus nicht anders, wo es sich allerdings noch hinter ideologischen Schleiern verbergen konnte. Heute tritt es ungeniert auf und behauptet ein: „Es ist einfach so“. Diese Feststellung ist heute so banal und normal, daß das Skandalöse daran fast vergessen wird. Hinter der Fassade dieser „häßlichen Freiheit“ tritt stärker als jemals zuvor die Diktatur des Faktischen hervor und wir dürfen wieder nur die Plätze einnehmen, die uns von den ökonomischen Notwendigkeiten, technokratisch-strukturellen Maßstäben, dem „gesunden Menschenverstand“ und anderen Zumutungen zugewiesen werden. Die Belohnung ist die ebenso erzwungene Teilnahme am Spektakel des Warenüberflusses. Irgendwie bewegt man sich dann trotzdem durch die Scheiße und versucht, das Rad neu zu erfinden.
Irgendjemand hatte die Idee, ein Radio zu machen, einfach so, um Leute zusammenzubringen, Diskussionen zwischen Menschen lebendig zu halten über das „Wie weiter?“ und außerdem, weil es Spaß machen sollte. Damit dieses Vorhaben nicht von Wirtschaftlichkeit und von staatlicher Einflußnahme aufgefressen werden sollte, nannten wir das Radio „nichtkommerzielle“ und „frei“. Geld brauchten wir nicht viel, um unser Idee beginnen zu können und wir warteten nicht darauf, daß uns irgendjemand die Erlaubnis erteilt. Es ging eigentlich nicht darum, ein Recht auf „freie Meinungsäußerung“ einzuklagen, das von sich aus schon eine versachlichte Form von Bevormundung darstellt, weil das Recht immer jemanden (in dem Fall den Staat) bedingt, der ein Recht garantiert.  Wir fingen also einfach an. Das war 1990.
Der Moment der „rechtlosen“ Zeit war jedoch kurz und unser Spielraum begrenzt. Bald wurde es notwendig, das „Einfach-machen“ in entsprechende rechtliche Formen zu zwingen: Verein gründen und Energie und Zeit zu verschwenden, um unsere Idee in Recht zu verwandeln, sprich das zermürbende Aufreiben für die Legalisierung. Ewige Diskussionen mit bornierten Politkadern, Beschäftigung mit trockenen Paragraphen und Papierproduktionen. Bis dahin war das Radio immer nur das Mittel für den Zweck „sozialer Kommunikation“ gewesen, jetzt begann das Projekt tendenziell zum Selbstzweck zu verkommen.
Doch der Wunsch, gemeinsam Dinge machen zu können und das Leben nicht in seltsame Sektoren zu zerhacken, war groß genug, dafür eine Möglichkeit zu suchen. Als das Radio vorerst mit dem neuen Mediengesetz verhindert wurde, sah ein Großteil der Leute ihre Lebensperspektive nicht in einer erneuten Vereinzelung. Wir versuchten zunächst, in Erfurt ein Haus zu bekommen. Dies scheiterte am Geld und an den regierenden Politkadern. Im Herbst 1993 wurde dann schließlich ein Mühlenhof in der Nähe von Erfurt erworben, den wir Kooperative Haina nannten.
An dieser Stelle können die verschiedenen Diskussionen, Wege, Irrwege im Einzelnen nicht aufgezählt werden, was feststeht: Es war zunächst nur der einfache Wunsch vieler, nach so intensiven gemeinsamen Erlebnissen nicht einfach zur „Tagesordnung“ von Lohnarbeit, Kleinfamilie, Karriere ... überzugehen. Irgendwie zusammenbleiben, andere Verhältnisse miteinander aufbauen. Was anfangs eher unbewußtes Verlangen und empirisches Handeln war, entwickelte sich durch zahlreiche Diskussionen und in Auseinandersetzung mit unserer und der Realität um uns zur konkreten überlegten Form; es ging darum, uns einen Weg abzuringen, der nicht letztlich in Verhältnissen ankommt, die sich von den herrschenden lediglich durch das Wort alternativ unterscheiden. Es kann überhaupt nicht darum gehen, in einer „Gesellschaft des Falschen“, irgendwo alternativ „anzukommen“. Warum nicht, dazu später.
Unsere Überlegungen gehen davon aus, daß der Zusammenbruch des Realsozialismus nicht nur den Sieg der modernen Gesellschaft über das Zeitalter der Ideologien darstellte, sondern sich vor allem als ein Bestandteil ihres eigenen Krisenprozesses entpuppt. Die einstige Integrationskraft eines Wirtschaftswunder-Kapitalismus ist zur Fußnote in den Geschichtsbüchern verkommen. Weil die „große Maschine“ des Marktes für ihren Verwertungs(selbst)zweck –also die Verwandlung von Menschen in Geld- zunehmend keine Verwendung mehr findet, wird massenhaft Menschenmaterial als überflüssig ausgespuckt. Auch in den Gewinnerregionen des Weltmarktes ist die gemütliche Wohlfahrtsstaats-Atmosphäre gründlich verflogen und der Arbeitsfetischismus fängt an, mit pragmatischer Geste seine häßliche Fratze zu zeigen. Die blinde Verwertungslogik des Marktes selber entzieht ihrem eigenen Funktionieren zusehends den Boden: strukturelle Massenarbeitslosigkeit, die saisonalen Zusammenbrüche auf den internationalen Finanzmärkten, Figuren wie Gerhard Schröder, humanitäre Bomben usw. sind Vorboten dieses Irrewerdens marktwirtschaftlicher Rationalität.
Schon immer hat die Moderne gerade in ihren Krisenprozessen eigene/eigenartige emanzipatorische Ideen und Utopien hervorgebracht, die im Grunde genauso strukturiert waren, wie sie selber: groß, häßlich und universal. Das große Projekt der Arbeiterbewegung (der Staatssozialismus) ist an diesen Kriterien selber gescheitert. Aber gescheitert ist eben nicht grundsätzlich die Suche nach einem Leben jenseits von Markt und Staat, sondern nur eine Spielart des Universalismus der Moderne.
Im Gegenteil ist mit dem historischen Ende der Staatssozialismus-Utopie, die die Option auf eine vermeintliche emanzipatorische Perspektive besetzt hielt, zumindest ideell Platz und Raum entstanden, mit der Aneignung und Gestaltung gesellschaftlicher Räume und Praxen unter völlig verändertem Vorzeichen in unterschiedlichsten Formen zu experimentieren.
Gemeint ist eine noch zu entwickelnde Vielfalt von Experimenten, in denen Menschen beginnen, in einem direkten, gemeinsamen Prozeß mittels der vorgefundenen (oder noch anzueignenden) Potentiale ihre Lebensgrundlagen selber zu entwerfen und zu gestalten, d.h. ohne die Vermittlung von Geld bzw. Markt oder staatlicher Verwaltung. Es geht um das nicht gerade bescheidene Projekt der Abschaffung der „großen Maschine“ des Marktes (und mit ihm des Staates), ergo um die Abschaffung des Tausches, die Überwindung der Getrenntheit der Menschen, die ja deren Verwandlung in Tauschgegner bedingt. Solche Entkopplungsversuche sind aber erst dann möglich, wenn sie stark genug sind, sich Ressourcen eines größeren gesellschaftlichen Zusammenhangs aneignen, verteidigen und frei verfügen zu können. Es geht darum, schrittweise Elemente der gesellschaftlichen Reproduktion aus dem Markt oder der staatlichen Verwaltung herauszubrechen und in eine direkte, gesellschaftliche Nutzung umzuwandeln.
Dabei sehen wir uns heute mit dem Widerspruch konfrontiert, daß eine Aufhebungsbewegung eine gesellschaftliche sein muß und nicht in kleinen Projekten wie z.B. unseren vorweggenommen werden kann (will man nicht zur alten Naturalwirtschaft zurückkehren). Andererseits aber ist ein Warten auf den „Tag X der großen Umwälzung“ ebensowenig zu akzeptieren. Mit diesem Widerspruch müssen wir leben, und die entsprechende Lebensform ist für uns nicht der „Gang durch die Institutionen“ oder die politische Gruppe, sondern die Form gelebter Experimente, in denen ansatzweise die Zergliederung des Lebens in Privatheit-Öffentlichkeit, Wirtschaft-Politik, Arbeit-Freizeit, Kultur in Frage gestellt wird.
Nicht daß sich eine Gesellschaft prinzipiell für ihr Funktionieren irgendwie organisieren und strukturieren muß, ist zu kritisieren, sondern die besondere Form, die die Organisierung der kapitalistischen Gesellschaft annimmt. Ihre Gesellschaftlichkeit stellt sich nicht direkt als Resultat eines Kommunikationsprozesses der Mitglieder der Gesellschaft her, sondern indirekt, unbewußt, blind, vermittelt durch Tausch bzw. Geld. Daran ändert auch die Sphäre der Politik nichts, da sie auf Gedeih und Verderb vom Tausch bzw. Geld abhängig ist. Die Politik ist durch dieses Medium konstituiert, vermittelt sich darüber und darf somit dieses Prinzip nicht antasten. Das Formprinzip dieser Gesellschaft stellt unseres Erachtens das eigentliche Problem dar und kann eben nicht durch andere Inhalte (oder eine andere, linke Politik) umdefiniert werden.
Mehr als ein ökonomisches Projekt ist die Kooperative Haina in diesem Sinne als ein Experiment zu verstehen, in dem eine Handvoll junger Menschen über die verschiedenen Lebensbereiche hinweg versuchen, untereinander und im Verbindung mit Menschen anderer Lebenszusammenhänge neue soziale und politische Formen zu entwickeln.
Solche Versuche sind natürlich von sich aus noch nicht mit Emanzipation gleichzusetzen. Wenn überhaupt stellen sie so was wie eine Ahnung bzw. eine Möglichkeit dar. Die Grenzen liegen ganz klar auf der Ebene der Reichweite gesellschaftlichen Agierens und in der Borniertheit des eigenen Zusammenhangs, was meint, daß lebenskulturell in einer strukturell bedingten Atomisierunggesellschaft die Idee eines persönlich-verbindlichen Zusammenhangs über Maßen behauptet, verteidigt und belastbar sein muß. Auch wenn die Kooperation die Bewegungsfreiheit erhöht, so sind die Zugriffsmöglichkeiten von kleinen Projekten auf materielle Ressourcen stark beschränkt. Viel Energie geht in die Instandsetzung von Häusern, die zwar bezahlbar, aber in einem schlechten Zustand sind. Eine relevante Bewegung könnte sich solche Ressourcen einfach nehmen. Diese Bewegung ist allerdings weit und breit nicht in Sicht.
Unser Überleben ist möglich durch eine Vielzahl unterschiedlicher Konzepte und Anstrengungen, einen Status quo zu halten: Einerseits durch Projektförderungen; teilweise auch über den Markt durch Warentausch, andererseits etwas Selbstversorgung und das langsame Entwickeln vom Markt abgekoppelter Strukturen. Das ist kein Modell für eine andere Gesellschaft, noch kann und soll die Kooperative autark existieren. Dennoch können in solchen Formen des Zusammenlebens durchaus einige Erfahrungen gesammelt werden, die es wert sind, weitergegeben zu werden.
Die Kooperative Haina ist ein offener bzw. öffentlicher Ort, der verschiedenste Formen von Begegnung ermöglicht. So ist es kein Problem, der Kooperative einen Besuch abzustatten oder für eine längere Zeit an den (Nicht-)Aktivitäten und dem Leben teilzunehmen. So haben in den vergangenen Jahren zahlreiche Menschen aus Europa bei uns eine Zeit lang gelebt, die ebenso wie wir keine Perspektive im System der (Lohn)arbeit sehen -oder sehen wollen- und nach etwas anderem suchen.
Die Kooperative verfügt mittlerweile über eine Reihe von Produktionsmitteln, die eine teilweise Selbstversorgung mit Lebensmitteln ermöglichen. Neben Gemüse, Fleisch (Schweine, Rinder, Geflügel) wird auch Ziegenkäse in der Hofkäserei hergestellt. Weiter stehen eine Schreinerei und eine kleine Schmiede für verschiedenste Reparatur- und Baumaßnahmen zur Verfügung. Ergänzt wird die Palette durch eine Imkerei und dem Kräutergarten. Soweit etwas verkauft wird, wird der Aufbau von lokalen Strukturen bzw. wirtschaftlichen Kreisläufen, ohne Zwischenhändler und der weitestgehenden Kontrolle über die gesamte Produktionstiefe (vom Heu bis zum Verkauf des Käses) angestrebt. Es wird also durchaus auch direkt vermarktet, nur nicht mit der Perspektive, darauf eine scheinbare ökonomische Sicherheit aufzubauen, die den oben genannten Widerspruch verleugnet.
Mittlerweile ist die Idee des Radios irgendwie Wirklichkeit geworden. Seit Mai 1999 sendet Radio FREI legalisiert auf der Erfurter Frequenz 96,2 MHz im regelmäßigen Sendebetrieb. Die Verrechtlichung, kommerzieller Zeitgeist und die Auseinandersetzung mit Politkadern, die in ihrem eindimensionalen Denken das Projekt als eine politische Bedrohung halluzinieren, haben den Charakter des Projektes stark in Richtung Strukturierung und Professionalisierung beeinflußt. Und das ist in erster Linie nicht subjektiven Versagen, sondern zunächst objektiven Zumutungen zuzuschreiben. Insofern steht das Radio für die Geschichten vieler solcher Projekte. Trotzdem bleibt etwas, daß darin nicht aufgeht, der Wunsch nach etwas völlig anderem. Es bleibt ein Unbehagen.

Haina im Januar 2000
Letzte Aktualisierung ( Montag, 11. Dezember 2006 )
 
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