Status Quo Vadis. Die Kooperative Haina im wertkritischen Härtetest
Vorweg: Was Allgemeines zu kritischer Theorie und emanzipativer Praxis

Gesellschaftskritik muß bis auf Weiteres in dem Dilemma leben, aufgespalten zu sein in Theorie und Praxis. Welche kritische Theorie ihrem Gegenstand "Gesellschaft" am ehesten gerecht wird, ist sicher streitbar und dieser Streit ist innerhalb der Theorie zu leisten. Unser Zugang zu einer begrifflichen Erfassung und Kritik der Warengesellschaft ist die Wertkritik, womit nicht gesagt werden soll, daß andere Theorieansätze einfach nur Unsinn wären. Allerdings sehen wir die Kritik der Basiskategorien der Warengesellschaft (Arbeit, Ware, Wert, Geld, Markt, Subjekt, Recht, Staat, Nation usw.) durch die Wertkritik am weitesten vorangetrieben, weshalb sie unseren hauptsächlichen theoretischen Bezugsrahmen abgibt. Aus diesem Bezug ergibt sich ein spezifisches Verhältnis von Theorie und Praxis, daß im folgenden dargelegt werden soll...


Wertkritik ist - will man sie nicht grob verkürzen- ungeeignet, bestimmte Formen kritischer Praxis zu legitimieren. Vielmehr steht sie zu dieser Praxis in einem kritischen Verhältnis und ist bemüht, diese weiterzutreiben, letztlich bis zu dem Punkt an dem die kritische Theorie selber überflüssig wird.
Die einzige Praxis, mit der die Wertkritik also ihren Frieden machen kann, wäre die einer Abschaffung bzw. Aufhebung der bestehenden Verhältnisse. An jede andere kritische Praxis, die nicht an die Totalität der gesellschaftlichen Verhältnisse heranreicht, muß der Vorwurf der Immanenz ergehen. Und so grenzt sich die Wertkritik ganz zu Recht von Versuchen ab, die darauf drängen, unmittelbar positiv zu werden oder mit einer "alternativen Schweine- bzw. Ziegenzucht" Utopien- und Modellheckerei zu betreiben.
Wenn dies allerdings das letzte Wort der Wertkritik wäre, dann würde sie zur fatalistischen Esoterik verkommen. Und bei vielen, die eine konkrete "Handlungsanweisung" erwarten, dürfte die Wertkritik genau diesen Eindruck hinterlassen.
Doch die Wertkritik unterscheidet m. E. zwischen kapitalistischer und kritischer Praxis, wobei diese Unterscheidung einige Unschärfen aufweist: Einfach ist noch die Bestimmung des Begriffs kapitalistischer Praxis. Sie ist das unmittelbare Ausagieren bürgerlicher Verkehrsformen. Schwieriger wird es bei der Bestimmung der kritischen Praxis, da sie so gut wie immer ihrer FORM nach Bestandteil bürgerlicher Verkehrsformen sein muß, inhaltlich sich jedoch gegen bestimmte Zumutungen der Warengesellschaft wenden, immanente emanzipative "Standarts" halten oder die Warengesellschaft als Ganzes beseitigen will. Kritische Praxis würde sich im besten Fall dadurch ausweisen, daß sie nicht will, was sie tut. Wollen und Können fallen auseinander, womit wir wieder beim Verhältnis von kritischer Praxis und kritischer Theorie angelangt wären.
Theorie und Praxis sind also getrennt und allein von einer der beiden Seiten her ist diese Trennung nicht zu überwinden. Beide Seiten müssen in einen Prozeß der Vermittlung treten.

Zwar läßt sich keine bestimmte emanzipative bzw. kritische Praxis aus der Theorie ableiten, dennoch stellt sich die Frage, ob es gleich und damit gleichgültig ist, welche Praxis da getan wird. Die Antwort auf diese Frage kann kein kategorisches JA oder NEIN sein. Wir befinden uns in einer Grauzone zwischen Theorie und Praxis, auf einem Feld von Nuancen unterschiedlicher Lebensentwürfe, -wege und -irrwege.


Status Quo vadis, Kooperative Haina ?

Die Kooperative Haina ist ein kommuneähnliches Gebilde: 20 Erwachsene, 10 Kinder (ungefähr), gemeinsame Ökonomie usw.. Kommuneunähnlich bzw.-untypisch ist unsere relative Strukturfeindlichkeit und unser Antiökonomismus. Wir wollten nie beweisen, daß wir "alternativ Wirtschaften" können und dementsprechend sieht unsere Ökonomie aus. Sie ist durch und durch prekär. Trotzdem konnten sich bisher arbeitskritische Ideen, der Kritik der Sphärentrennung, Lust- und Launeprinzipien, Strukturfeindlichkeiten und Anti-Ökonomismus noch einigermaßen gut behaupten.

Seit der Bürgerbewegung -in der die meisten von uns aktiv waren- bis in die ersten Jahre des Aufbaus der Kooperative war unser gesellschaftliches Agieren eher intuitiv bestimmt und hatte von vornherein starke antipolitische Elemente.
Ob wir versuchten, ein nichtkommerzielles Lokalradio in Erfurt (Radio F.R.E.I.) aufzubauen oder eine Kampagne zur Unterstützung der Deserteure aus Ex-Jugoslawien durchzuführen, uns ging es immer auch darum, neben dem "politischen" Anliegen, Beziehungen zwischen verschiedensten Zusammenhängen herzustellen. Ich betone dies hier, weil gerade linke Zusammenhänge häufig von allzu formell politischer Natur sind, die nur aufgrund ihrer "politischen" Fixierung bestehen und ansonsten ein soziales und kulturelles Ödland darstellen. "Basisdemokratie" und "Vetorecht" sind die unschönen Ausflüsse linker Politkultur, in der sich die vereinzelten Einzelnen in ihren Feierabendbereichen organisieren.
Überhaupt ging uns die Trennung von Arbeit und Freizeit, als auch die Ignoranz für dieses Problem innerhalb der Linken auf die Nerven.
Ab einen bestimmten Zeitpunkt reichte uns unser "intuitives" Vorgehen nicht mehr aus, einfach nur zu wissen, wer doof und wer nicht-doof war. Wir wollten wissen, warum es überhaupt das Doofe gab. Wir haben dann angefangen, uns von der empirischen Seite her mit Ökonomie zu beschäftigen . Später suchten wir Anknüpfungspunkte bei Kongressen der akademischen Linken. Angesichts akademischer Gespreiztheit, blasser Charaktermasken und harmloser Inhalte war unser Ausflug in dieses Milieu nur von kurzer Dauer. Über ein Treffen bei der SSM Mühlheim kamen wir mit der Wertkritik in Berührung.


Das Leben in Haina in der Zeit der Wertkritk

Zunächst: Wir sind keine Polit- und auch keine reine Theoriegruppe. Wir können gerade noch angeben, daß wir eine Gruppe sind, aber was sie nun ausmacht, daß wissen wir nicht mehr genau. Ansprüche und Realitäten sind -euphemistisch formuliert- pluraler geworden.
Immerhin: Es gibt bei uns eine relativ große Offenheit gegenüber kritischer Theorie, die allerdings durch ihre Form als Theorie sich vielen wieder verschließt. Man(n) muß wahrscheinlich schon ganz besonders gestrickt sein, um eine Abhandlung über 40 Seiten zu "abstrakter Arbeit" als ein sinnliches Vergnügen zu empfinden.

Dennoch haben wir in den letzten Jahren immer wieder WertkritikerInnen nach Haina zu den "Philosophen durch die Mühle"-Seminaren eingeladen, Texte in kleineren und größeren Runden gelesen und diskutiert, kleine Einführungskurse in die Wertkritik mit Leute aus den verschiedensten Bezügen, die bei uns zu Gast waren, durchgeführt, hie und da Manifeste verteilt, wertkritische Texte zu Sendungen verwurstet, die für den Programmaustausch der freien Radios im deutschsprachigen Raum zur Verfügung gestellt werden.

Auf unser "Selbstverständnis" hat die Auseinandersetzung mit kritischer Theorie sicher einen gewissen Einfluß ausgeübt, der sich in den letzten Jahren jeweils geändert hat. Anfänglich bot die Wertkritik der KRISIS-Gruppe für uns jede Menge Identifikationsangebote, nicht nur bezüglich ihrer Kritik. Gerade eine bestimmte Leseart der Darstellungen in der KRISIS 19 zu einer möglichen Aufhebungsbewegung und deren Voraussetzungen luden zur Legitimierung unserer eigenen Praxis ein. Mit dem Begriff der "Keimform" konnten wir Anwürfen, unser Lebensentwurf sei nicht mehr und nicht weniger als eine Variante des Livestyles, endlich begegnen. Zwar hatten wir schon vorher stets betont, daß es uns mit der Kooperative nicht darum ging, ein utopisches Modell für eine postkapitalistische Gesellschaft zu sein, doch sahen wir uns kurzzeitig in einen größeren, emanzipatorischen Zusammenhang eingebettet, der auch theoretisch legitimierbar war.
Mittlerweile hat sich diese ideologische Aufladung verflüchtigt. Die Gründe hierfür sind vielfältig: Einerseits dürften sie darin zu suchen sein, daß sich eine zunehmende Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit unseres Kooperativenalltags bemerkbar gemacht hat. Andererseits hat die Wertkritik selber zur Relativierung unseres "Projektes" beigetragen.


Was uns aufhält, was wir aushalten
Noch ein paar Beschwerden zur Vermittlung

Soziale und politische Rechte sind nicht kampflos preiszugeben, empfehlen die Zumutungen und empfielt die Wertkritik. Sie sollen nur künftig nicht mehr im ideologischen Rahmen einer 'wertimmanenten Emanzipation' erfolgen, deren Möglichkeiten -folgt man den krisentheoretischen Darstellungen der KRISIS- erschöpft sind. Da die emanzipatorischen Spielräume innerhalb der Warengesellschaft ausgereizt seien, könnten die heutigen Auseinandersetzungen nur noch offensiv geführt werden, wenn sie von einer Kritik der Warengesellschaft und ihres Formprinzips -des Werts- ausgehen würden.
Wie aber nun heutige Auseinandersetzungen mit der Wertkritik zu vermitteln sind, bleibt die offene Frage. In den meisten Fällen dürfte der hier aufgemachte Spagat nicht zu überwinden sein. Ob Flüchtlingsfragen, Auseinandersetzungen zwischen Kapital und Arbeit, politische Grundrechte, Ökologiefragen usw., es ist immer dasselbe: Entweder die Kritik rettet ihren Gehalt gegenüber ihrer ohnmächtigen, schwachen, praktischen Reichweite und bleibt deshalb letztlich auf sich selbst als Form negatorisch intervenierender theoretischer Praxis verwiesen.
Sollen diese Kämpfe aber mehr sein als Diskursschlachten, muß die Sphäre der kritischen Theorie verlaßbar sein. Versucht man dies, so entgleitet der fundamental-kritische Ansatz beinah unweigerlich. Die Frustrationsschwelle liegt entsprechend niedrig. Wer politische Kampagnen im Namen von Freiheit und Gleichheit -z.B. im Zusammenhang mit Flüchtlingen- führen 'mußte', weil es anders nicht 'real' werden kann, und dies im stillen Bewußtsein um die Kritik der Demokratie und der ihr zugrundeliegenden Freiheit und Gleichheit, der weiß, wovon ich rede.
Zu guter Letzt empfielt dieser Widerspruch, ausgehalten zu werden. Das widerspruchsgebeutelte Subjekt bekommt dank hausgemachten emanzipatorischen Anspruch noch einen zusätzlichen Widerspruch aufgehalst. Wohl dem, der breite Schultern hat.
Daher gilt mein an Bewunderung grenzendes Unverständnis den selten gewordenen Einzelkämpfern in den institutionellen Apparaten, von denen nicht wenige auf der Strecke bleiben, weil sie den Spannungsbogen von Selbstlegitimation und Kritik nicht mehr durchhalten und die Kritik fallenlassen, um endlich mit der Struktur identisch zu werden.
Die Kooperative Haina ist meine vorläufige und prekäre Antwort auf diese Frage. Immerhin bietet eine Gruppe -nicht zwangsläufig, aber als Möglichkeit- einen Rückzugsraum, der unter Umständen vor gröberen, sozialen Degenerierungen und ideologischen Ausverkäufen bewahren kann.

Christian Höner
Kooperative Haina, Frühjahr 2001

Letzte Aktualisierung ( Samstag, 7. Oktober 2006 )