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…wollen wir euch auch in den nächsten Monaten versorgen...
Einerseits zwingen uns die Förderinstitutionen dazu, bereits jetzt einen kompletten Seminarplan für 2006 mit hellseherischen Kräften zusammen zu zimmern. Andererseits zwingen uns die zunehmend bescheidenen gesellschaftlichen Verhältnisse, an dem festzuhalten, was gemeinhin als das Grau der Theorie bezeichnet wird – gegen die Pose eines hemdsärmeligen Praktikertums („1 Millimeter Praxis ist besser als 1000 Kilometer Theorie“). Natürlich ist sozialer Widerstand nötiger denn je. Leider fehlt den wenigen dieser Ansätze nur allzu oft die inhaltliche Fundierung. Nicht dass sich Unmut regt, ist zu kritisieren, sehr oft aber, wie er sich artikuliert bzw. in welche Richtung der Dampf abgelassen wird.
Je weiter der Sozialstaat erodiert, desto bizarrer drohen auch die linken Gegenkonzepte zu werden, die -gegen radikale Kritik gewandt- auf die Machbarkeit im Hier und Jetzt verweisen und glauben, daraus ihre Legitimität schöpfen zu können. Da scheint das nostalgische Festhalten z.B. der linkspartei am nationalen Wohlfahrtsstaat noch die vermeintlich harmlosere Partie zu sein. Doch wie so oft: der Schein trügt. Auch „Du bist Deutschland“, wusste der neue Vorsitzende der linkspartei (lange bevor sich das Who-is-who der deutschen Show-Biz-Elite in der gleichnamigen und unsäglichen Werbekampagne kollektiv vollends entblödete) und findet schon mal öffentlich Fremdarbeiter Scheiße, denn die sollen lieber draußen bleiben. (Wenn die alle kommen, dann geht das nicht, mit dem nationalen Sozialismus, wegen der Globalisierung und so.) Ja, Lafontaine beschert der „bunten Truppe“ ein paar schmierige Brauntöne. Und mit seiner Schelte der Finanzhaie und Spekulanten dürfte er sich der Zustimmung großer Teile seines alternativen und linken Publikums sicher sein. Wen wundert es in diesem Zusammenhang, wenn z.B. auf dem Erfurter Sozialforum eine Veranstaltung zum Thema „Alternatives Wirtschaften“ stattfindet und dort so genannte Zinskritiker ihre „tabubrecherische These“ zum Besten geben, der nach das Geld bzw. der Zins die Wurzel allen Übels sei.
Schrumpfgeld heißt deren rettende Devise und ist so genial, wie einfach, weil es gegen fast alles hilft, nur nicht gegen Kapitalismus. Und der Trick geht so: Alles Geld, was nicht zirkuliert, sondern zur (scheinbaren) Selbstvermehrung irgendwo rumliegt, soll sich von nun an nicht mehr vermehren dürfen, sondern schrumpfen. Damit implodiere das Geschäft mit dem Kredit, überhaupt die Spekulation und in Folge die Finanzmärkte, die dann nicht mehr unsere gute, ehrliche Arbeit belasten würden. Doch damit nicht genug. Das Beste kommt nämlich noch: Alles werde billiger! Schön, was? Okay, arbeiten gehen müssen wir dann immer noch für den Markt, und ja, den Staat haben wir auch noch an der Backe. Aber das ist doch gerade das Gute daran, es ändert sich nix, sondern wird nur besser. Herrlicher Schrumpfsinn.
Dass der Zins eine Funktion der kapitalistischen Produktion ist - was soll’s; dass der guten kapitalistischen Produktion -an der man ja nicht rütteln will- unter dem Schrumpfgeld früher oder später die Investitionsmittel ausgehen - geschenkt. Wer will da schon so genau hinsehen, wenn es eine kräftige Portion aufgeblasener Schrumpfkritik zum theoretischen Nulltarif gibt. Wie sooft wird das Fieber in Angriff genommen und nicht dessen Ursache.
Bemerkenswert an solcher Art „Konzept“ ist nicht, dass es gegen die kapitalistische Krise so hilfreich ist, wie eine zusammengefaltete Zeitung vor einem Atomschlag schützt, sondern die gesteigerte Kritiklosigkeit und Empfängnisbereitschaft beim Publikum für die olle (und deshalb nicht weniger gemeingefährliche) Kamelle von der guten, ehrlich produzierenden Arbeit (bzw. dem sie anwendenden Kapital) und dem schlechten, heuschreckenartigen, parasitären Finanzkapital. Und dass das was mit den Juden zu tun hat, das weiß Lieschen Müller von ihrer Omma, von der netten Familienrunde oder aus dem Internet. Gegen solcherlei Unfug wächst leider keine Kräutlein, auch nicht in unsren Gärten. Was bei einer Erkältung sehr hilfreich ist, bringt leider gar nichts gegen diesen ideologischen Schnupfen.
Ob unsere Seminare Abhilfe schaffen, sei dahingestellt. Wer sein intellektuelles Immunsystem stärken will, der könnte schon auf seine Kosten kommen.
Abgesehen davon, dass die in diesem Text verwendeten Krankheitsmetaphern bitte nur Metaphern sind; Ideologie ist natürlich keine Krankheit und hat nix mit Biologie zu tun. Womit wir wieder bei Ideologiekritik wären. Wir wollen jedenfalls in den kommenden Monaten wieder starke ideologiekritische Akzente in der Ausrichtung unserer Seminare setzen. Näheres könnt ihr, soweit wir es bereits präzisieren konnten, dem Seminarplan 2006 entnehmen. Außerdem haben wir uns leichte konzeptionelle Veränderungen überlegt. Obwohl wir nach wie vor dem Theorieansatz der Wertkritik / Wertabspaltungskritik nahe stehen, werden wir das Konzept unserer Seminarreihe einer behutsamen inhaltlichen Öffnung unterziehen, teils um andere Ansätze besser kennenzulernen, teils um mit ihnen eine inhaltliche Auseinandersetzung zu suchen. Darüberhinaus ist es unser Ziel, auch Leute anzusprechen, die bisher den Weg zu uns und den Seminaren noch nicht gefunden haben.
Hainrich 02 (Ende 2005) als PDF-Dokument {regdownload id=2}
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